22 Nov

Über RTL und Islam

Dies ist ein persönlicher Kommentar zu aktuellen Geschehnissen und ist auch als ein solcher zu verstehen. Wer die lange Einleitung überspringen will, findet unten im Text einen Hinweis auf den Beginn des eigentlichen Themas.

 

 

3 Uhr Nachts auf einem Sofa in NRW

Es ist jetzt etwa viertel vor 3 morgens, am 22. November 2015. Irgendwie es ist wieder eine dieser Nächte, in denen man sinnlos gegen die Müdigkeit ankämpfend durch die zahllosen Privatsender schaltet. Für das sowieso heranschleichende Delirium ist das meistens eher zuträglich, besonders wenn man schon das gefühlt fünfhundertste Mal die selbe bescheuerte Sitcomfolge guckt.

Heute abend war das aber nicht der Fall, sondern es sollte augenscheinlich schlimmer kommen: Das Supertalent. Ich hasse Sendungen wie das Supertalent, Deutschland sucht den Superstar, Voice of Germany oder wie die ganze restliche Scheiße auch immer heißt. Das liegt daran, dass mich das Gefühl nicht verlässt, dass der Zuschauer solcher Sendungen eigentlich nur tiefliegenden Sadismen frohlockt, während er voyeuristisch gaffend sich an der Schmach anderer ergötzt. Das tut er, weil er sich dabei gut fühlen kann. Ich verstehe das, missbillige es zwar, aber ich verstehe es. Ich habe ja selber nicht abgeschaltet, aus vermutlich teilweise den selben Gründen. Allerdings habe ich auch die naive Lebensphilosophie, allem etwas Gutes abgewinnen zu können. Das ist eine meiner treibenden Kräfte im Leben, so eine Art Mantra. Dieses Mantra dürfte auch maßgeblich an meiner Entscheidung beteiligt gewesen sein und hat sich letztendlich dann auch irgendwie bewahrheitet.
Jedenfalls wurde ich zu Tode gelangweilt, von irgendwelchen Akrobaten, die immer das Gleiche machen und irgendwelchen schrägen Vögeln, die die Frage offen legen, ob sie denn nur eine Wette verloren haben oder tatsächlich so blöd sind, wie es scheint, so wie Sängerinnen, die zwar jeden Ton treffen, aber irgendwann den Drang verspüren das Schreien anzufangen. Diese Qual resultierte dann letztendlich darin, dass ich mir beim Anzünden der letzten Zigarette des Abends vorschlug nur noch einen Kandidaten anzusehen, und dann schlafen zu gehen. Jetzt schreibe ich diesen Text und bin nicht schlafen gegangen, aber warum?

Wie sich herausstellte war der nächste Kandidat ein junges Mädchen, ich glaube 12 Jahre alt. Ihren Namen habe ich schon wieder vergessen. Das liegt aber daran, dass sie Muslimin war und einen arabischen Namen hatte, welche ich mir einfach nicht merken kann, so sehr ich es auch versuche. Ihre Begleitung war ihr Vater, ein dicklicher, sympathisch wirkender Mann mit Bart und stolzem Grinsem im Gesicht. Als seine Tochter dann performte, zoomte die Kamera dann natürlich auch prompt theatralisch an ihn heran und man sah ihn vor Freude weinen.
Man hat natürlich immer seine begründeten Zweifel, ob das Ganze nicht inszeniert ist, gerade bei RTL. Aber trotzdem hat mir dieses Bild zu Nachdenken gegeben und um diese Gedanken soll es eigentlich auch in diesem Text gehen.

Der 13. November ist jetzt schon mehr als eine Woche her, aber der Schock sitzt noch extrem tief. Europa ist wieder Opfer des Terrorismus geworden, nur diesmal ist es anders. Das Attentat auf Charlie Hebdo im Januar hatte noch ein ersichtliches Motiv, die Karikaturen. Der Anschlag am Freitag letzter Woche aber war auf Menschen, die keine Karikaturen veröffentlicht hatten. Die sich auch nicht im Krieg befanden. Einfach auf normale Menschen, wie dich und mich. Das selbe ist auch einen Tag zuvor in Beirut passiert, nur das interessierte jedenfalls nicht so sehr wie das Attentat in Paris. Das soll aber auch gar nicht Thema sein, oder jedenfalls jetzt nicht. Jetzt geht es mir um etwas anderes:
Viele haben Angst und sind ratlos, man fühlt sich nicht mehr sicher heißt es in den Kommentarzeilen der Boulevardmagazine. Diese Stimmung ist nicht neu, sie gehört mittlerweile zum Alltag. Die Flüchtlingswelle wird überall diskutiert, ob beim Bäcker an der Theke, in der Kneipe auf Hockern oder in den sozialen Netzwerken hinter der Tastatur. Ein ultimatives Kanon gibt es nicht. Egal wo die Diskussion stattfindet, so richtig einig ist sich niemand. Da wir glücklicherweise in einer Demokratie leben und es unglücklicherweise zu einer Demokratie gehört, dass auch Hirntote ihre Meinung kundtun dürfen, findet man natürlich auch sehr extreme Standpunkte.
Immer gibt es eine Person, die beispielsweise den Islam dämonisiert und als Quell allen Übels darstellt und den Untergang Deutschlands als logische Konsequenz des Flüchtlingsstroms prophezeit. Diese Menschen erkennt man durch ihre Verwendung von Termini wie unteranderem „Gutmensch“ oder auch „Lügenpresse“. Genauso aber wie es immer so eine Person geben wird, wird es auch eine Person geben, die sich der ersten Person annimmt und eine wutentbrannte Debatte entfacht.
Debatten sind ja in erster Linie gut, sie haben wenn sie richtig geführt sind immer einen progressiven Charakter. Aber in einer Debatte haben Emotionen nichts verloren.
In Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen wurden etliche Stimmen in den sozialen Netzwerken laut, man solle den IS einfach wegbomben. Auge um Auge, Zahn um Zahn also. Diese Gelüste sind verständlich, sie sind menschlich, und auch ich habe sie. Man will Vergeltung üben im Namen der Verstorbenen. Man hat Angst vor weiteren Anschlägen und will lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das ist aber falsch.
Erst einmal ist der Islamische Staat nicht das, was er behauptet zu sein: Ein Staat. Er hat keine Grenzen, keine Städte und auch keine Einwohner. Er ist im Irak, Syrien und nahem Osten verstreut. Den IS einfach wegzubomben würde bedeuten auch mit ihm zahlreiche Unschuldige. Im Militär bezeichnet man sowas als Kollateralschaden, ganz nüchtern. Und für viele ist es das auch, man nimmt lieber das Leben einiger um die potenzielle Gefährdung vieler zu verhindern. Das ist das selbe Prinzip wie bei einem Abschuss eines von Terroristen gekaperten Flugzeug um Opferzahlen wie bei 9/11 zu minimieren.
Viele vertreten diesen Standpunkt, weil sie denken er sei der pragmatischste. Lieber 100 tote Syrer als 100 tote Europäer, das ist die Denkweise. Die meisten, die diese Denkweise haben, sind nicht belehrbar was das angeht. Es ist letztlich auch ihre eigene moralische Entscheidung. Es macht sie aber nicht richtig.
Man stelle sich vor man würde den IS tatsächlich einfach wegbomben, ohne sich über zivile Verluste Gedanken zu machen. Was würde das für einen Eindruck auf die muslimische Gemeinschaft machen? Es würde Empörung auslösen, den Westen erneut als Schlächter darstellen. Muslime, die davor vielleicht schon radikale Tendenzen hatten, werden spätestens durch solche Dinge dann radikalisiert. Genau bei solchen Muslimen setzt der IS an. Leider sind gerade junge Leute, die noch nicht gefestigt sind ihrem Welt- und Selbstbild, ihren moralischen Werten und Selbstbewusstsein, Ziel der Rekrutierung des IS.
Die Attentäter sind keine 40-50 Jährigen. Das sind Menschen, die noch studieren hätten können, ihr ganzes Leben vor sich hatten.
Radikale Gruppierungen, ob sie politischer oder religiöser Natur sind, haben sich schon immer die Schwächsten geholt. Jugendliche sind leichte Beute, sie sind einfach zu indoktrinieren und zu formen. Extremistische Bewegungen haben eine inhärente Gruppendynamik die Faszination für jemanden ist, der noch nicht weiß, wo er steht, wer er ist. Sie sind für so jemanden die Möglichkeit sich mit etwas zu identifizieren, das Gefühl von Zugehörigkeit zu erfahren. Aber nicht nur Jugendliche sind Opfer von Extremismus. Auch die von der Gesellschaft Verstoßenen und Vergessenen. Die, die in Armut leben und mit Geld gelockt werden können. Mit leeren Versprechungen einer besseren Zukunft. Wenn wir jetzt anfangen, den Islam für die Verbrechen in Paris zu verantworten, dann verstoßen und vergessen wir alle Muslime.
Terror und Terroristen gibt es in Deutschland nicht erst seit Syrien und dem Irak. Die Flüchtlinge, die hier Asyl ersuchen, flüchten vor dem Terror, sie bringen ihn nicht mit. Terroristische Anschläge in Europa sind nur logische Konsequenz europäischer Militäreinsätze. Man kann nicht in einem Land Krieg führen und erwarten, dass das eigene davon verschont bleibt. Wer Krieg bringt, holt den Krieg auch zu sich. Damit haben die Flüchtlinge NICHTS zu tun.

Der Krieg gegen den IS kann nicht mit roher Gewalt gewonnen werden. Ein Terrorist hat keine Angst vor dem Tod, er begrüßt ihn sogar, da er ihn in die Märtyrerschaft erhebt. Für jeden getöteten Terroristen sprengen sich zwei andere in die Luft, die wahrgewordene Hydra.
Der Krieg gegen eine Organisation wie den IS kann nur gewonnen werden, in dem man ihn von innen heraus zerstört. Man muss ihm die Ressourcen nehmen, die Rekrutierungsmöglichkeiten und vor allem ihr größtes Instrument: Die Angst.

Ein Gedanke zu “Über RTL und Islam

  1. Wie wahr!!! Hinter diesem Artikel scheint ein sehr schlauer und gesunder Geist zu stecken. Da ich nicht so Wortgewandt bin, sage ich nur Applaus APPLAUS für diese Worte!!!! Ich denke allerdings auch, das wir lernen müssen mit dieser Angst zu leben.

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